Nachruf auf einen Zustand, den niemand vermisst hat – bis er weg war
On the Luxury of Boredom
An obituary for a state nobody missed — until it was gone
Die Langeweile ist tot, und wir haben sie ermordet – mit dem freundlichsten aller Werkzeuge. Wer heute, sagen wir, an einer Bushaltestelle steht und, weil der Akku, dieses letzte Disziplinierungsinstrument unserer Zeit, den Dienst versagt hat, gezwungen ist, sieben Minuten lang nichts zu tun als dazustehen, erlebt etwas, das frühere Generationen, die noch wussten, wie sich ein regnerischer Sonntagnachmittag ohne Programm anfühlt, kaum beeindruckt hätte: die nackte, ungefilterte Zeit. Sieben Minuten, in denen nichts passiert, niemand unterhält, nichts blinkt. Für die einen eine Zumutung. Für die Kulturgeschichte: ein Nachruf.
Denn es lohnt sich, kurz zu vermessen, was da eigentlich verschwunden ist. Die Langeweile war nie beliebt – schon Pascal wusste, dass alles Unglück der Menschen daher rührt, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer sitzen können, und wer je eine Warteschleife der Deutschen Bahn durchlitten hat, wird dem Philosophen ungern widersprechen. Aber sie war da, zuverlässig, flächendeckend, demokratisch: im Wartezimmer, im Stau, in der dritten Woche der Sommerferien, wenn die Tage so lang wurden, dass man aus purer Verzweiflung anfing, Dinge zu erfinden. Man langweilte sich, man gammelte, man starrte Löcher in die Luft – und irgendwo in diesem Leerlauf, unbeaufsichtigt und absichtslos, begann gelegentlich etwas zu arbeiten, das man mangels besserer Begriffe Fantasie nennt.
Die Kreativitätsforschung jedenfalls hält auf den Leerlauf erstaunlich große Stücke. Ideen entstünden bevorzugt dann, wenn das Gehirn gerade nichts Bestimmtes zu erledigen habe; wer sich langweile, beginne zu wandern, erst mit den Gedanken, dann mit den Einfällen; das Tagträumen, lange als Untugend verschrien, sei womöglich die produktivste Betriebsart des Geistes. Man muss diese Befunde nicht zum Evangelium erheben, um die Pointe zu erkennen: Ausgerechnet der Zustand, den wir mit vereinten Kräften ausgerottet haben, könnte derjenige gewesen sein, in dem uns das meiste einfiel.
Ausgerottet – das ist keine Übertreibung. Die Lücke, die früher der Langeweile gehörte, ist heute bewirtschaftet: Jede Wartezeit, jede Fahrstuhlfahrt, jeder Moment zwischen zwei Terminen hat seinen Pächter gefunden. Kaum senkt sich eine Sekunde Stille über den Tag – zack, ist das Handy draußen. Das geschieht nicht aus Schwäche, sondern aus Training: Eine ganze Industrie arbeitet, mit dem Scharfsinn von Kasinobetreibern und dem Vokabular von Heilsbringern, daran, dass keine Aufmerksamkeitslücke unbespielt bleibt. Und weil die Geschichte Sinn für Ironie hat, verkauft uns dieselbe Ökonomie das Verschwundene inzwischen als Ware zurück: Achtsamkeits-Apps gegen die Unruhe, die ihre Schwester-Apps erzeugt haben, Digital-Detox-Wochenenden im Schwarzwald, Schweige-Retreats mit Vollpension. Die Leere gibt es jetzt im Abonnement, die Stille als Premiumfunktion.
Vielleicht muss man die Langeweile gar nicht retten; Nostalgie stünde ihr auch schlecht, sie war ja wirklich öde. Es genügte, sie gelegentlich wieder auszuhalten – sieben Minuten an einer Bushaltestelle, ohne Gerät, ohne Ziel und, das ist der schwierigste Teil, ohne die Gewissheit, dass dabei etwas herauskommt. Es wäre, nach allem, was wir über den Leerlauf wissen, die produktivste Verschwendung, die sich denken lässt.
Verständnisfragen
Check your understanding
1. Womit wurde die Langeweile laut dem ersten Absatz „ermordet“?
2. Welche Erfahrung beschreibt die Bushaltestellen-Szene?
3. Was berichtet der Text über die Kreativitätsforschung?
4. „Die Leere gibt es jetzt im Abonnement, die Stille als Premiumfunktion.“ – Welche Ironie steckt in diesem Satz?
5. Der Autor fordert am Ende, Smartphones zu verbieten.
6. Mitten im gehobenen Essay steht plötzlich: „zack, ist das Handy draußen.“ Welche Wirkung hat dieser Registerwechsel?
7. Was macht die Schlussformulierung von der „produktivsten Verschwendung“ zu einem Paradox?
8. Warum bezeichnet der Titel die Langeweile als „Luxus“?