Expertendämmerung: Vom schwindenden Vertrauen in die Wissenschaft
Warum das Publikum der Forschung nicht mehr alles glaubt – und warum das nicht nur schlecht ist
Twilight of the Experts: On the Waning Trust in Science
Why the public no longer believes everything research tells it — and why that isn't only a bad thing
Der Befund klingt zunächst paradox. Nie zuvor war wissenschaftliches Wissen so verfügbar wie heute, jede Studie nur einen Klick entfernt, jede Erkenntnis binnen Stunden in den Nachrichten – und selten schien das Verhältnis zwischen Forschung und Öffentlichkeit zugleich so gereizt. Wer sich an einem beliebigen Abend durch die Kommentarspalten arbeitet, könnte meinen, das Vertrauen in die Wissenschaft sei schlicht kollabiert, zermahlen zwischen Verschwörungserzählungen und Empörungsbewirtschaftung.
Die einschlägigen Erhebungen zeichnen ein anderes, differenzierteres Bild. Das deutsche Wissenschaftsbarometer etwa befragt die Bevölkerung seit Jahren zu genau dieser Frage. Eine deutliche Mehrheit vertraue Wissenschaft und Forschung nach wie vor, heißt es dort. Gewachsen sei allerdings die Gruppe der Unentschiedenen, jener also, die sich weder auf Vertrauen noch auf Misstrauen festlegen mögen. Auffällig sei zudem, dass das Vertrauen mit dem Gegenstand schwanke: Aussagen über schwarze Löcher nehme man der Physik bereitwillig ab, bei Ernährung, Klima oder Pandemie hingegen werde verhandelt. Anders gesagt: Je näher die Forschung dem eigenen Leben kommt, desto lauter beginnt das Feilschen.
Das ist weniger irrational, als es zunächst wirkt. Ein Teil des Problems liegt nämlich in einem Missverständnis, das beide Seiten gepflegt haben: Wissenschaft wurde der Öffentlichkeit allzu oft als Antwortmaschine verkauft – man wirft eine Frage ein, unten fällt eine Gewissheit heraus. Tatsächlich ist Wissenschaft das Gegenteil: organisierter Zweifel, ein Verfahren, das seine eigenen Aussagen unablässig prüft, revidiert und präzisiert. Wissenschaftliche Erkenntnisse tragen gewissermaßen ein Haltbarkeitsdatum, und das ist keine Schwäche, sondern der Kern der Methode. Nur hat man dem Publikum genau das selten gesagt. Wo Experten im Brustton der Endgültigkeit auftraten und Schlagzeilen jede Einzelstudie zum Durchbruch erklärten, musste jede spätere Korrektur wie ein Eingeständnis des Scheiterns wirken – dabei war sie nichts anderes als das Funktionieren des Systems.
Hinzu kommt eine neue Unübersichtlichkeit. In den sozialen Netzwerken findet inzwischen jede Position ihren Experten, echt oder selbsternannt, und die Einzelstudie mit steiler These schlägt in der Aufmerksamkeitsökonomie verlässlich den mühsam errungenen Forschungsstand. Die Wissenschaftler selbst berichten davon Ambivalentes. Die Bereitschaft, sich öffentlich zu äußern, habe spürbar abgenommen; wer sich exponiere, müsse mit Anfeindungen bis hinein ins Private rechnen. Zugleich sei das Interesse an Forschung so groß wie nie, die Vortragssäle voll, die Wissenschaftspodcasts erfolgreich. Man wird aus diesem Publikum nicht recht schlau – es sei denn, man hört auf, es als eine einzige Masse zu denken.
Was folgt daraus? Zunächst eine Zumutung für die Forschung selbst: Sie wird ihre Unsicherheiten offensiver kommunizieren müssen, nicht als Makel, sondern als Gütesiegel. Wer sagt, was er weiß, und dazu, wie sicher er es weiß, macht sich weniger angreifbar als der Verkünder ewiger Wahrheiten. Und das Publikum? Dessen Vertrauen ist nicht verschwunden. Es ist erwachsen geworden – anspruchsvoller, wechselhafter, begründungsbedürftiger. Man könnte auch sagen: Es verhält sich endlich selbst ein wenig wissenschaftlich.
Verständnisfragen
Check your understanding
1. Welchen scheinbar paradoxen Befund beschreibt der Text zu Beginn?
2. Was zeigen die Erhebungen des Wissenschaftsbarometers laut Text?
3. „Je näher die Forschung dem eigenen Leben kommt, desto lauter beginnt das Feilschen.“ – Was meint der Autor damit?
4. Was versteht der Text unter Wissenschaft als „organisiertem Zweifel“?
5. Der Autor sieht die Verantwortung für das Misstrauen ausschließlich beim Publikum.
6. Warum wirken Korrekturen wissenschaftlicher Aussagen auf das Publikum oft wie ein Scheitern?
7. „Die Bereitschaft, sich öffentlich zu äußern, habe spürbar abgenommen; wer sich exponiere, müsse mit Anfeindungen rechnen.“ – Woran erkennt man, dass der Autor hier Aussagen anderer wiedergibt und nicht selbst behauptet?
8. Wie ist der Schlusssatz zu verstehen, das Vertrauen des Publikums verhalte sich „endlich selbst ein wenig wissenschaftlich“?