Über verordnete Nähe, dosierte Distanz und die Kunst des Wechselns
Du or Sie? A Country Grapples with How to Address Each Other
On prescribed closeness, measured distance, and the art of switching
„Sehr geehrte Frau Dr. Brandt, bezugnehmend auf Ihr Schreiben vom 12. des Monats erlauben wir uns, Ihnen Folgendes mitzuteilen …“ – so klingt Deutschland, wenn es Sie sagt. „Hey Lisa, mega, dass du an Bord bist! Schnapp dir einen Kaffee, wir sehen uns gleich beim Stand-up!“ – so klingt Deutschland, wenn es Du sagt. Zwischen diesen beiden Sätzen liegen keine dreißig Kilometer, manchmal nur ein Stockwerk: unten die Versicherung, oben das Start-up.
Kaum eine andere Alltagsentscheidung verrät so viel über dieses Land wie die Wahl der Anrede. Wo das Englische mit einem einzigen „you“ auskommt, verlangt das Deutsche eine Festlegung – und die hat es in sich, denn im Pronomen stecken Hierarchie, Nähe und Respekt zugleich. Früher war die Sache immerhin klar geregelt: Das Sie war der Normalfall, das Du ein Privileg. Es wurde angeboten, nicht genommen – vom Älteren dem Jüngeren, vom Chef der Mitarbeiterin, feierlich und gern mit einem Glas in der Hand. Wer die Reihenfolge missachtete, galt als distanzlos.
Diese Ordnung ist ins Rutschen geraten. Ein schwedisches Möbelhaus duzt seine deutsche Kundschaft seit Jahrzehnten, die Digitalbranche kennt das Sie ohnehin nur noch vom Amt, und inzwischen führen selbst traditionsreiche Konzerne das flächendeckende Du ein – per Vorstandsbeschluss, versteht sich. Man muss sich diese Pointe auf der Zunge zergehen lassen: Die Vertrautheit wird angeordnet, von oben, mit sofortiger Wirkung. Verordnete Nähe. Ob sich die Hierarchien damit tatsächlich abflachen, ist allerdings eine andere Frage. Wer seinen Chef duzt, kann trotzdem gefeuert werden – neuerdings eben mit einer freundlichen Mail, die mit „Du, wir müssen reden“ beginnt.
Dabei hätte das gute alte Sie durchaus seine Verteidigung verdient. Es ist ja keine Kälte, sondern eine Technik: Es erlaubt, Nähe zu dosieren, Konflikte auf Abstand zu halten und Respekt auszudrücken, ohne Unterwerfung zu verlangen. Die Verkäuferin, die von einem wildfremden Kunden geduzt wird, empfindet das selten als Wertschätzung. Distanz kann auch ein Schutzraum sein – einer, den man erst bemerkt, wenn er fehlt.
Vielleicht liegt die eigentliche Kompetenz also gar nicht in der Entscheidung für eine Seite, sondern im Wechseln: morgens die Kollegin duzen, mittags die Sachbearbeiterin siezen, abends dem neuen Nachbarn das Du anbieten – und dabei jedes Mal den richtigen Ton treffen. Das Deutsche stellt dafür zwei Register bereit; man muss sie nur beherrschen. In diesem Sinne, sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser: Sie entscheiden. Oder du. Je nachdem.
Verständnisfragen
Check your understanding
1. Die beiden Beispielsätze am Anfang stammen laut Text aus weit voneinander entfernten Regionen Deutschlands.
2. Wie war die Anrede früher geregelt?
3. Welches Beispiel nennt der Text für das Duzen von Kundschaft?
4. Was will der Autor mit der Formulierung „Verordnete Nähe“ ausdrücken?
5. Der Autor meint, dass das Du im Unternehmen die Machtverhältnisse tatsächlich beseitigt.
6. Welche Funktion des Siezens hebt der Text hervor?
7. Der Text wechselt selbst mehrfach den Stil – von förmlich („Sehr geehrte Frau Dr. Brandt …“) zu locker („Hey Lisa, mega …“). Welche Wirkung hat das?
8. Zu welchem Schluss kommt der Autor in der Frage „Du oder Sie“?