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Die letzte Eisdiele — Kapitel 1: Drei Generationen
The Last Ice Cream Parlour — Chapter 1: Three Generations
Seit der Gründung im Jahr 1962 verkauft die Eisdiele „Rossi“ in der Innenstadt von Freiburg Eis in mehr als zwanzig Sorten - gegründet von Enzo Rossi, einem italienischen Einwanderer, der mit zwei Koffern und dem Eisrezept seiner Mutter nach Deutschland kam. Laut einer Studie des Deutschen Eiscafé-Verbands ist die Zahl der familiengeführten Eisdielen in den letzten zwanzig Jahren um fast dreißig Prozent gesunken - „Rossi“ gehört zu den wenigen, die überlebt haben.
Heute steht Enzo Rossis Enkelin Giulia hinter der Theke - die inzwischen 34-jährige Betriebswirtin, die vor fünf Jahren einen sicheren Bürojob aufgab, um das Familienerbe fortzuführen. Die im Sommer 2023 renovierte Eisdiele wirkt modern, doch die Rezepte, so betont Giulia, seien bis heute unverändert.
Das Erfolgsrezept von „Rossi“ ist bis heute simpel: cremiges Fior-di-Latte-Eis nach original italienischer Rezeptur, ergänzt um saisonale Sorten wie Schwarzwälder-Kirsch-Eis im Sommer oder Zimt-Walnuss im Herbst. Anders als bei industriell hergestelltem Eis verzichtet die Familie bewusst auf künstliche Aromen und Farbstoffe - ein Versprechen, das auf einem kleinen Schild direkt neben der Kasse hängt.
Der Fall „Rossi“ ist kein Einzelfall. Laut dem Institut für Mittelstandsforschung stehen in Deutschland jährlich mehr als zwanzigtausend Familienunternehmen vor der Nachfolgefrage - oft, weil die jüngere Generation andere Berufswünsche hat oder die wirtschaftlichen Bedingungen für eine Übernahme zu schwierig erscheinen. Ein Sprecher des Instituts erklärt, die emotionale Bindung an ein Familienunternehmen reiche allein oft nicht mehr aus, um eine Übernahme wirtschaftlich zu rechtfertigen.
Enzo Rossi kam 1958 als Sechzehnjähriger allein nach Deutschland, arbeitete zunächst in einer Fabrik und sparte jahrelang, bis er sich 1962 seinen Traum erfüllen konnte: die erste eigene Eisdiele. Zur Eröffnung standen die Menschen bis auf die Straße - ein Bild, das in der Familie bis heute als Gründungsmythos erzählt wird.
Inzwischen jedoch macht Giulia sich Sorgen: Die Miete in der Innenstadt ist in den letzten zehn Jahren um über sechzig Prozent gestiegen, gleichzeitig eröffnete vor zwei Jahren eine große Eiscreme-Kette nur zweihundert Meter entfernt. „Wir konkurrieren nicht mehr nur mit Qualität“, sagt Giulia, „sondern mit einem Werbebudget, gegen das wir nichts haben.“ Wie es mit „Rossi“ weitergehen soll, weiß im Sommer 2026 noch niemand so genau.
Enzo Rossi, heute 84 Jahre alt, sitzt noch fast jeden Nachmittag auf der kleinen Bank vor dem Laden und beobachtet die Kundschaft. Auf die Frage, ob ihn die neue Konkurrenz beunruhige, winkt er nur ab: Er habe schon 1962 nicht an sich selbst geglaubt, und trotzdem habe es funktioniert - warum also jetzt aufgeben? Giulia lächelt bei diesen Worten, auch wenn sie weiß, dass die Zahlen diesmal komplizierter sind als das Selbstvertrauen ihres Großvaters.
Verständnisfragen
Check your understanding
1. Seit wann existiert die Eisdiele „Rossi“?
2. Wie hat sich die Zahl familiengeführter Eisdielen laut Studie entwickelt?
3. Was hat Giulia vor fünf Jahren aufgegeben?
4. Inferenz: Was bedeutet die Aussage des Institutssprechers, emotionale Bindung reiche „allein oft nicht mehr aus“?
5. Um wie viel ist die Miete in der Innenstadt gestiegen?
6. Was eröffnete vor zwei Jahren in der Nähe?
7. Wie alt ist Enzo Rossi heute?
8. Inferenz: Was zeigt Enzos Reaktion, als er nur abwinkt und von 1962 erzählt?