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B2 · Upper IntermediateB2.1423 words

Das Erbe — Kapitel 1: Die Testamentseröffnung

The Inheritance — Chapter 1: The Reading of the Will

Als Julia, Markus und ihre jüngere Schwester Sophie an einem regnerischen Novembervormittag im Büro des Notars saßen, war die Testamentseröffnung ihrer Großmutter Ilse längst überfällig gewesen. Die drei Geschwister hatten sich seit der Beerdigung kaum gesehen, und die Nervosität in dem kleinen Raum war förmlich greifbar. Der Notar räusperte sich, bevor er verkündete, was ohnehin schon alle geahnt hatten: Das Elternhaus in der Bachstraße, in dem Oma Ilse mehr als fünfzig Jahre gelebt hatte, sollte zu gleichen Teilen an die drei Enkelkinder übergehen.
Aufgrund der Bestimmung, wonach über die Nutzung des Hauses nur einstimmig entschieden werden dürfe, wurde noch im selben Gespräch klar, dass diese Erbschaft keineswegs so einfach zu regeln sein würde, wie es zunächst geklungen hatte. Kaum hatte der Notar den letzten Satz des Testaments vorgelesen, wurde im Raum bereits diskutiert – und zwar heftiger, als es der Anlass eigentlich nahelegte.
Julia, die Älteste, meldete sich als Erste zu Wort. Für sie stand außer Frage, dass das Haus, in dem sie als Kind jeden Sommer verbracht hatte, in der Familie bleiben müsse. Demnach schlug sie vor, das Gebäude zu renovieren und es später vielleicht sogar an eines der Kinder aus der nächsten Generation weiterzugeben, anstatt es an fremde Käufer zu verlieren, deren einziges Interesse ohnehin nur der Grundstückspreis in dieser mittlerweile begehrten Wohngegend sei.
Markus hingegen reagierte gereizt auf diesen Vorschlag. Er lebe, wie er betonte, seit Jahren in einer anderen Stadt und könne sich weder um die Instandhaltung noch um eine mögliche Vermietung kümmern. Eine Renovierung dieses Umfangs, rechnete er vor, lasse sich ohnehin kaum finanzieren, ohne dass alle drei Geschwister erhebliche Summen nachschießen müssten. Ihm erschien der Verkauf daher als die einzig vernünftige Lösung – schnell, unkompliziert und ohne endlose Diskussionen über eine Zukunft, an der er selbst kein Interesse habe.
Sophie, die Jüngste, äußerte sich an diesem Tag kaum. Zwischen der emotionalen Position ihrer Schwester und den nüchternen Argumenten ihres Bruders hin- und hergerissen, bat sie lediglich um etwas Zeit, um die Angelegenheit in Ruhe zu überdenken. Folglich einigten sich die drei Geschwister darauf, sich in einigen Wochen erneut zu treffen – diesmal mit einem klaren Ziel: einer gemeinsamen Entscheidung, wie auch immer diese am Ende aussehen würde.
Auf dem Weg zurück zu ihren Autos schwiegen die drei Geschwister lange. Erst an der Ecke zur Bachstraße, direkt vor dem Haus ihrer Kindheit, blieb Sophie stehen und blickte zu den beiden anderen. Ihr wurde in diesem Moment schlagartig bewusst, dass es bei dieser Entscheidung um weit mehr als nur um ein einfaches Gebäude aus Backstein und Erinnerungen gehen würde.

Verständnisfragen

Check your understanding

  1. 1. Wo saßen Julia, Markus und Sophie an einem regnerischen Novembervormittag?

  2. 2. Was sollte laut Testament zu gleichen Teilen an die drei Enkelkinder übergehen?

  3. 3. Was schlug Julia für das Haus vor?

  4. 4. Warum erscheint Markus der Verkauf als die beste Lösung?

  5. 5. Worum bat Sophie ihre Geschwister?

  6. 6. Inferenz: Was lässt sich aus Sophies Reaktion am Ende des Kapitels schließen?