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B2 · Upper IntermediateB2.2369 words

Bargeldlos glücklich? Warum die Deutschen an Scheinen und Münzen hängen

Zwischen Datenspur und geprägter Freiheit: eine sehr deutsche Beziehung

Cashless and Happy? Why Germans Are Attached to Notes and Coins

Between data trails and minted freedom: a very German relationship

In Dänemark bezahlen viele Menschen selbst den Kaffee mit dem Smartphone, in China öffnet der QR-Code jede Kasse – und in Deutschland hängt in der Bäckerei ein handgeschriebenes Schild: „Kartenzahlung erst ab zehn Euro". Kaum ein anderes Industrieland pflegt eine derart innige Beziehung zum Bargeld wie die Bundesrepublik. Laut einer Erhebung der Bundesbank wird hierzulande noch immer rund die Hälfte aller Einkäufe an der Ladenkasse bar bezahlt – Tendenz zwar sinkend, aber im europäischen Vergleich bemerkenswert stabil.
Die Gründe für diese Anhänglichkeit liegen tiefer, als es der Blick auf reine Bequemlichkeit vermuten lässt. Da ist zunächst das historisch gewachsene Misstrauen gegenüber der Entwertung des Geldes: Die Erinnerung an die Hyperinflation der 1920er-Jahre und an zwei Währungsreformen hat sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Wer Scheine im Portemonnaie trägt, so das Gefühl, hält sein Vermögen buchstäblich in den eigenen Händen. Hinzu kommt ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Privatsphäre. „Bargeld ist geprägte Freiheit" – dieses Dostojewski zugeschriebene Zitat wird in deutschen Debatten so zuverlässig bemüht, dass es fast schon zum Sprichwort geworden ist. Tatsächlich hinterlässt die mit Karte bezahlte Tasse Kaffee eine Datenspur, die bar bezahlte nicht.
Die Befürworter des digitalen Bezahlens verweisen dagegen auf die unbestreitbaren Vorteile: schnellere Abläufe an der Kasse, geringere Kosten für Handel und Banken, weniger Möglichkeiten für Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung. Auch das Argument der Sicherheit wiegt schwer – ein gestohlenes Portemonnaie ist verloren, eine gesperrte Karte nicht. Und spätestens die Pandemie hat gezeigt, wie schnell sich Zahlungsgewohnheiten ändern können, wenn die Umstände es verlangen: Das kontaktlose Bezahlen, lange belächelt, wurde innerhalb weniger Monate zur Selbstverständlichkeit. In den Großstädten ist der Wandel längst sichtbar: In der Frankfurter Innenstadt etwa gibt es bereits Cafés, die überhaupt kein Bargeld mehr annehmen – bezahlt wird ausschließlich mit Karte oder Smartphone.
Und doch greift es zu kurz, die deutsche Bargeldliebe als bloße Rückständigkeit abzutun. Sie ist Ausdruck einer Kultur, die staatlicher wie privatwirtschaftlicher Kontrolle mit gesunder Skepsis begegnet. Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob das Bargeld verschwinden soll, sondern wer künftig darüber entscheidet, wie wir bezahlen: der Markt, der Staat – oder die Kundin an der Ladenkasse selbst. Solange die Wahlfreiheit gewahrt bleibt, spricht wenig dagegen, dass die Deutschen beides tun, was sie ohnehin am besten können: modernisieren und gleichzeitig bewahren.

Verständnisfragen

Check your understanding

  1. 1. In Deutschland wird laut Bundesbank noch etwa die Hälfte aller Einkäufe an der Ladenkasse bar bezahlt.

  2. 2. Warum vertrauen viele Deutsche laut Text besonders auf Bargeld?

  3. 3. Was ist im Text mit der „Datenspur" gemeint?

  4. 4. Der Autor behauptet, ein gestohlenes Portemonnaie sei genauso sicher wie eine Bankkarte.

  5. 5. Welche Wirkung hatte die Pandemie auf das Bezahlverhalten?

  6. 6. Wie bewertet der Autor die deutsche Vorliebe für Bargeld insgesamt?

  7. 7. Was ist für den Autor die eigentliche Frage in der Debatte?

  8. 8. In deutschen Großstädten gibt es bereits Cafés, die überhaupt kein Bargeld mehr akzeptieren.